Kommentar: Zweierlei Maß am Fluss – Warum regulieren wir Niedrigwasser nicht wie Hochwasser?
Die Havarie des Schweizer Hotelschiffs vor Bonn zeigt ein eklatantes Versäumnis auf unseren Wasserstraßen: Während bei Hochwasser ab einer bestimmten Marke (Marke II) rigorose Fahrverbote gelten, herrscht bei extremem Niedrigwasser das Prinzip "Eigenverantwortung".
Unter enormem wirtschaftlichem Druck pokern Reedereien und Kapitäne oft bis auf den letzten Zentimeter Fahrrinne – bis es eben schiefgeht.
Es ist paradox: Bei zu viel Wasser greift der Staat konsequent durch, bei zu wenig Wasser schaut er tatenlos zu.
Die unterschätzten Risiken von Niedrigwasser
Dabei birgt Niedrigwasser massive Gefahren, die in der Öffentlichkeit und Politik sträflich unterschätzt werden.
Das beginnt beim physikalischen Verhalten der Schiffe selbst: Im extrem flachen Wasser verändert sich die Hydrodynamik drastisch. Durch diesen sogenannten Flachwassereffekt reagieren Schiffe plötzlich unberechenbar träge auf Ruderbewegungen und neigen dazu, sich regelrecht am Flussbett festzusaugen, was das Unfallrisiko bei Manövern massiv erhöht.
Kommt es dann zur Grundberührung, ist der Rheinboden kein weicher Sandkasten: Scharfkantige Felsen oder Buhnen können den Schiffskörper aufreißen, wodurch Treibstoffe oder giftige Ladungen direkt in das ohnehin extrem gestresste, warme und sauerstoffarme Ökosystem des Niedrigwasser führenden Flusses gelangen.
Zudem droht bei einer Havarie in der engen Fahrrinne sofort eine Blockade der wichtigsten Binnenwasserstraße Europas. Stellt sich ein Schiff quer, reißt das sofort die Lieferketten für Kohle, Chemie und Rohstoffe ab, was innerhalb kürzester Zeit zu einem volkswirtschaftlichen Kollaps der angeschlossenen Industriezweige führen kann.
Nicht zuletzt darf das Risiko für den Menschen nicht vergessen werden: Die Evakuierung von Passagieren und Crewmitgliedern von einem Havaristen mitten im Strom ist bei Niedrigwasser und unvorhersehbarer Schieflage eine logistische und sicherheitsrelevante Herausforderung für die Rettungskräfte.
Angesichts des Klimawandels und immer häufigerer Trockenphasen darf sich die Politik nicht länger hinter der „Eigenverantwortung“ der Wirtschaft verstecken. Wir brauchen wissenschaftlich fundierte Mindestpegel-Regelungen und verbindliche Tiefgang-Untergrenzen. Die Havarie in Bonn war ein vermeidbarer Warnschuss zur rechten Zeit.
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